Die Eidechse

Eidechse

Die tote Eidechse blieb mir am eindrucksvollsten in Erinnerung.

Als mein Papa 1978 starb war er 36 Jahre. Ich war 5 Jahre. Und meine Mama 34.

Ich kann mich noch an vieles erinnern, so glaube ich, und auch an vieles nicht mehr.

Die regelmäßigen Besuche auf dem Friedhof in Gammelshausen, am Grab meines Vaters, gehören zu den komischeren Erinnerungen.

Eine innige Beziehung zum Friedhof hatte ich nie. Es war halt ein Ort, aber keiner zum Erinnern. Erinnert habe ich mich viel mehr daheim im eigenen Haus mit all den Werkzeugen und Reliquien, die er zurück gelassen hat.

Ich weiß nicht mehr, ob ich traurig war (das war ich bestimmt), ich weiß nur noch, dass es immer lästig war:

Mit Mama hinfahren, blecherne, schwere Gießkanne mit Wasser füllen, Blumen gießen am Grab. Oder neue Blumen pflanzen, oder oder oder.

Und immer diese innere Leere und Ohnmacht. Papa weg. Für immer.

Ich habe mich oft aufs schwere, große, schmiedeeiserne Tor gestellt und hin und her geschaukelt. Tor auf, Tor zu.

Eines Tages habe ich eine tote Eidechse auf dem Boden neben den Gießkannen gefunden. Ich glaube sie war so leicht blau grün.

Und jedes Mal, als wir wieder zum Friedhof fuhren, lag da immer noch diese Eidechse.

Irgendwann kamen die Ameisen oder andere Tiere und haben sie zerlegt. Jede Woche wurde die Eidechse weniger. Am Ende war nur noch das Skelett übrig.

Keine Ahnung, ob das eine Metapher für irgend etwas war, ob mir die Vergänglichkeit damit nochmals plastischer vor Augen geführt werden sollte, oder ob es einfach Zufall war.

Ich weiß nur, dass die Zeit nach dem Tod meines Vaters so rückblickend eine furchtbare Zeit für mich war. So viel Hilflosigkeit. So viel Schmerz. So viel Ohnmacht.

Sicher auch für meine Mama.

Ich fühle mich heute noch so, dass ich mit großer Melancholie zurück blicke ins Jahr 1978. Und je weiter es sich entfernt, desto nebliger wird alles. Wie durch eine Milchglasscheibe.

Wie in einem Traum, in dem man verzweifelt und heulend seine Hand ausstreckt und auf jemanden zulaufen möchte, und irgend etwas bremst einen. Unerreichbar. Für immer.

Das macht mich unendlich traurig. Vor allem nachts und alleine. Auch heute noch, nach all den Jahren.

Sein Grab wurde vor ein paar Jahren nach der regulären Zeit aufgelöst.

Papa wäre dieses Jahr 73.

Suizid

Suizid

Am Dienstag, den 18. April 1978 hat sich mein Papa das Leben genommen. Er war 35 Jahre, meine Mama war 34 und ich war 5 Jahre jung.

Lange, lange Jahre habe ich mit mir gerungen, wie ich mit dem Thema umgehe. Jetzt, nach 36 Jahren schreibe ich diesen Blog-Artikel, weil ich es für das Richtige halte und weil es für mich ein Stück weit „Verarbeitungs-Therapie“ ist.

Die Gründe für seine Entscheidung hat er nie kommuniziert (es gab also keinen „Abschiedsbrief“); die wahrscheinlichste Erklärung ist Depressionen.

Anfangs hatte ich das Thema totgeschwiegen. Es war mir peinlich, ein Makel, ein Stigma. Unsere Umgebung, diverse Nachbarn, diverse Bekannte und einige andere Personen, ja sogar Verwandte, haben uns dafür verachtet und auf uns herab gesehen. Darüber bin ich heute noch traurig, wenn ich daran denke, wie Leute im kleinen, beschaulichen „Gammelshausen“ hinter vorgehaltener Hand getuschelt und getratscht haben. Es war vermutlich schlicht ihre Art, damit umzugehen. Mir (und meiner Mama bestimmt auch) hat es seinerzeit entsetzlich weh getan.

Wenn mich früher jemand gefragt hat, habe ich gesagt, dass mein Vater bei einem Autounfall starb. Das empfinde ich heute als großen Fehler, dass ich es verleugnet habe; vermutlich hätte ich weniger Sorgen gehabt, wäre ich entsprechend selbstbewusster mit der tatsächlichen Tatsache umgegangen.

Im Laufe der Zeit habe ich mich einigen sehr wenigen Personen anvertraut, gehofft und gefleht, dass sie mich nicht verurteilen mögen. Und natürlich hat mich nie jemand, der mir wichtig war und dem gleichzeitig ich wichtig war, dafür verurteilt. Erste Freundin(nen), Geschäftspartner, Freunde und sehr enge Bekannte. Alle waren empathisch oder anderweitig sehr einfühlsam.

Und heute bin ich eben so weit, dass ich für mich so damit umgehen kann, dass ich öffentlich dazu stehen kann (bzw. mich dazu zwinge), dass mir dieses Schicksal widerfahren ist. Ich möchte es ein für alle mal dokumentiert und „ausgesprochen“ haben. Ich möchte es niemandem auf die Nase binden, weil es irgendwie doch was Privates ist und gleichzeitig möchte ich mich auch nicht mehr damit verstecken.

Epilog

Was für Reaktionen wünsche ich mir auf diesen Beitrag? Also wenn ich ganz ehrlich bin wäre eine „wohlwollende Ignoranz“ vermutlich das Angenehmste. Keine Verurteilung von mir als Angehöriger und auch keine Verurteilung ob dieses Beitrags wäre sehr schön für mich.

Danke.

Ergänzung Oktober 2017

Beim Aufräumen hat meine Mama ein Bild gefunden, das mein Vater zwei Tage vor seinem Tod gemalt hat:

Sie meinte, er und ich hätten zusammen Bilder gemalt und seines war eben das oben dargestellte.

Wenn es schon kein Abschiedsbrief gab, gab es ggf. ein Abschiedsbild? Ich bezweifle das, mir erscheint, dass das Bild keine besondere Aussage enthält, und schlicht ein Bild ist, in das man nicht zu viel hinein interpretieren sollte.

Zum Vergleich, ein Bild, dass er zwei Monate vor seinem Tod gemalt hat:

Ergänzung Dezember 2017

Das hier habe ich auch noch: