Warum ich mein soziales Engagement auf ein Minimum herunterfahren werde

Verkehrswende, Umweltwende, Wirtschaftswende – ab jetzt ohne mich 😱

Seit vielen Jahren versuche ich, im Rahmen meiner Möglichkeiten, mich gesellschaftlich und sozial zu engagieren. Ich habe vieles gemacht:

  • Seit 3-4 Jahren saß ich in quasi jeder öffentlichen Gemeinderatssitzung bei uns in Eislingen. Meiner Meinung nach kann jeder einfach eine große Klappe haben; sich dann tatsĂ€chlich auch die Zeit zu nehmen und bei den Sitzungen dabei zu sein ist nochmals deutlich aufwĂ€ndiger, aber auch notwendiger, um ĂŒberhaupt mitreden zu können.
  • Ich sammle regelmĂ€ĂŸig MĂŒll ein und habe mitgeholfen, „Cleanup Göppingen“ und „Cleanup Eislingen“ mit zu grĂŒnden.
  • Der Grundschule meiner Kinder habe ich pro bono geholfen, Microsoft Office 365 einzufĂŒhren und begleite es seitdem aktiv mit.
  • Ich melde seit Jahren Falschparker auf Geh- und Radwegen in Eislingen und Göppingen, weil ich der Meinung bin, dass gerade die schwĂ€chsten Verkehrsteilnehmer besonderen Schutz bedĂŒrfen.
  • Auch bin ich bei den GrĂŒnen eingetreten und habe dort im Wahlkampf und beim Organisieren von Veranstaltungen geholfen. FĂŒr mich galten/gelten die GrĂŒnen als die am wenigsten schlechte Partei fĂŒr eine progressive Zukunft.
  • Ich habe regelmĂ€ĂŸig Leserbriefe an unsere lokale Tageszeitung geschrieben (die auch grĂ¶ĂŸtenteils veröffentlicht wurden), um den vielen rechten Leserbriefschreibern ein Gegengewicht entgegen zu stellen.
  • Unserer Stadtverwaltung habe ich zahlreiche gut ausgearbeitete VorschlĂ€ge zur Verbesserung der Sicherheit von Schulkindern und Radfahrern unterbreitet, und sogar mal eine Verkehrsschau angeregt. Siehe auch meine Seite mordstreifen.de dazu. Ähnliches habe ich bei der Stadt Göppingen versucht anzuregen. Auch habe ich beispielsweise BĂŒcher zu moderner, sicherer Fahrrad-Infrastruktur gekauft und an die StadtrĂ€te verschenkt.
  • Vor zwei Jahren habe ich mein Verbrenner-Auto abgeschafft und mir dafĂŒr einen Tesla gekauft, um wenigstens einen kleinen Beitrag fĂŒr weniger LĂ€rm und Abgase zu leisten. NĂ€chstes Jahr wollen wir zwei Autos (einen VW-Bus und den Tesla) durch einen einzigen neuen Tesla Model Y ersetzen.
  • Ich bin seit Beginn der Schulzeit meiner Kinder freiwillig Elternvertreter.
  • Bei der Agenda 2030 der Stadt Göppingen bin ich aktiv und arbeite in einem Teilprojekt mit.

All das, und noch einige Dinge mehr, waren und sind aus meiner Sicht absolut notwendig. Ich bin fest davon ĂŒberzeugt, dass wir eine Verkehrswende, eine Wirtschaftswende und eine Umweltwende benötigen. Das alles benötigt ein, oft selbstloses, Engagement von allen BĂŒrgern. Das wollte ich nicht nur fordern, sondern auch aktiv selbst mit gestalten.

Menschen mĂŒssen empathischer werden, mehr als Kollektiv denken und weniger als Egoisten.

Mein Sinneswandel

Auch heute (Mitte Juni 2021) bin ich noch fest davon ĂŒberzeugt, dass ich eigentlich das Richtige mache.

Doch schon seit lÀngerem zweifle ich an der Sinnhaftigkeit meines praktischen Vorgehens. Das Allermeiste, was ich angeregt habe, wurde entweder nie realisiert, zu Tode verschleppt, ausgesessen oder ignoriert:

  • Meine Leserbriefe an die Zeitung wurden zwar hĂ€ufig veröffentlicht, aber ansonsten gab es genau null Reaktion oder auch nur ein ” an sinnvollem Outcome.
  • Unser MĂŒll-Sammeln bringt fĂŒr vielleicht 1, 2 Tage eine Verbesserung, und spĂ€testens nĂ€chste Woche sieht es wieder genau so aus. Obwohl inzwischen schĂ€rfere Gesetze da sind und höhere Strafen möglich, erkenne ich genau null progressives Handeln unserer StĂ€dte und Verwaltung, ĂŒber „das Verwalten des Elends“ hinaus. Es wird eher immer schlimmer mit dem MĂŒll. Eine Sisyphusarbeit.
  • Die Agenda 2030 wirkt auf den ersten und zweiten Blick progressiv, kommt mir aber vor wie eine BeschĂ€ftigungstherapie fĂŒr engagierte MitbĂŒrger, damit diese nicht stören, wĂ€hrend Verwaltung, Politik und Wirtschaft munter weiter mit Vollgas Raubbau an unserem Planeten betreibt. Seitdem ich weiß, dass die Idee des CO2-Fußabdrucks von BP kommt, um uns einzureden, es sei unserer CO2-Footprint, nicht ihrer, empfinde ich diese ganzen „Hey BĂŒrger, engagiert euch“-Rufe als noch absurder.
  • Meine Grundschule lĂ€sst gefĂ€hrliche Esoterikerinnen auf Kinder los. Empathisch-kritische RĂŒckfragen werden höflich aber bestimmt mit False-Balance und anekdotischer Evidenz abgebĂŒgelt.
  • Gemeldete Falschparker werden in Eislingen wohl meistens verfolgt (in Göppingen wurde mir verboten, weitere zu melden), aber insgesamt erkenne ich keinen Willen in den Verwaltungen, massiv die bestehenden(!) Regeln kompromisslos durchzusetzen. Ich bin da noch nicht mal ein Tropfen auf den heißen Stein.
  • Die Liste ließe sich glaube ich beliebig lange fortsetzen.

Ich habe schmerzhaft gelernt, dass ich und meine VorschlĂ€ge und AktivitĂ€ten bestenfalls ignoriert oder im schlimmsten Fall aktiv ausgebremst werden. Manchmal bekomme ich noch eine offizielle Ehrung fĂŒr mein Engagement, die mir genau nichts bringt. Ich hĂ€tte RĂŒckhalt und ein schnelles, entschiedenes „gemeinsam an einem Strang ziehen“ der Verantwortlichen gebraucht. Keine bunten, wertlosen Glasperlen.

Es reicht!

Das Fass zum Überlaufen gebracht haben dann eigentlich die Aktionen und Reaktionen der Verwaltung und Politik wĂ€hrend der Coronavirus-Zeiten. Ein paar Beispiele:

  • Luftfilter in Schulen sind wissenschaftlich nachweislich wichtig fĂŒr den Schutz vor Coronavirus. Wir wollten als Elternschaft selbst versuchsweise eine zertifizierte Anlage einbauen. Hat uns die Stadtverwaltung verboten. Obwohl wir quasi alle hinter uns hatten: Schulleitung, Eltern, StadtrĂ€te, Zeitung, Nachbarkreise, die das auch gemacht haben. Hat alles nichts gebracht. Egal, welche VorschlĂ€ge wir unterbreitet hatten, es gab immer einen angeblichen Pferdefuß, warum es doch nicht geht. Jedes Argument zur EntkrĂ€ftung wurde mit einem anderen vorgeschobenen Grund abgebĂŒgelt. Obwohl rings um uns herum die StĂ€dte und Gemeinden munter Schulen mit Luftfiltern und LĂŒftungsanlagen ausgestattet haben. Inzwischen ist das Thema wieder in eine ferne Zukunft tot vertagt worden.
  • Homeschooling habe ich aufgrund von Coronavirus mit meinen Kinder fast ein dreiviertel Jahr lang gemeinsam praktiziert und sie tĂ€glich daheim unterrichtet, mit viel Schweiß und TrĂ€nen bei allen Beteiligten. Jetzt wollte ich bei sinkenden Fallzahlen meine Kinder wieder in die Schule lassen, und die GrĂŒne(!) Landesregierung in BW schafft nun das einzig sinnvolle Mittel ab (neben den, nicht vorhandenen, Luftfiltern), nĂ€mlich die Maskenpflicht in KlassenrĂ€umen. Und das obwohl die Delta-Variante schon in BW ist. Selbst in Bayern gilt nach wie vor die Maskenpflicht im Unterricht, eben weil sie virologisch sinnvoll ist, und eben weil es nirgend Luftfilter oder LĂŒftungsanlagen gibt. Und das nur weil laute, unwissenschaftliche Minderheiten sich erfolgreich Gehör bei der Regierung verschafft haben. Vor der Wahl dachte ich, das liegt an Frau Eisenmann, dass ihnen die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler am Arsch vorbei gehen. Jetzt habe ich schmerzhaft gelernt, dass es mit den GrĂŒnen genau so schlimm ist.
  • GeschĂŒtzte Radwege allgemein und meine ganzen Versuche, den Radverkehr sicherer zu machen, werden systematisch von einer unwilligen (unfĂ€higen?) Verwaltung ignoriert (ich erinnere mich noch beispielhaft an den selbstzufriedenen Polizisten, der im Rahmen einer Verkehrsschau gesagt hat, dass ihm kein Fall bekannt sei, bei dem eine Fahrradstraße mit gleichzeitigem Autoverkehr eine schlechte Sache sei, deshalb sei sie eine gute Sache). Anderes Beispiel: Unsere einzige Kreuzung mit geschĂŒtztem unterirdischen Fuß- und Radweg soll abgeschafft und durch einen Kreisverkehr mit gemischtem Fuß-, Rad- und Autoverkehr ersetzt werden. Auf einem Haupt-Schulweg. Und so geht das stehts weiter. Alle progressiven VorschlĂ€ge werden entgegen genommen, meist wird sich bedankt, und dann quasi immer ignoriert. Immer. Ich bin völlig machtlos, auch nur ergebnisoffen angehört zu werden.

Ich habe schmerzhaft gelernt, dass es in Politik und Verwaltung wie in der Liebe ist: Wenn es passt, kann man fast nichts falsch machen, und wenn es nicht passt, kann man fast nichts richtig machen. Egal wie sehr man sich anstrengt, nachfasst, dokumentiert oder recherchiert. Und alle sind von Egoismus, Phlegmatismus oder Lobbyismus getrieben. Egal was man als einzelner, engagierter BĂŒrger, machen will, keine Chance. Und in den meisten FĂ€llen stand ich ja noch nicht mal alleine da, sondern wir waren viele, die eine VerĂ€nderung wĂŒnschten. Auch das war jeweils egal.

Coronavirus hat das deutlicher denn je fĂŒr mich aufgezeigt: Selbst in den Hochzeiten einer Pandemie war und ist keinerlei FlexibilitĂ€t von einer Verwaltung und Regierung zu sehen.

Bei so viel aktiver und passiver Arbeitsverweigerung trotz all den vielen, drĂ€ngenden, nachhaltigen Zukunftsthemen, wie z. B. der Klimakatastrophe und der aktuellen COVID-19-Pandemie, habe ich nur noch Verachtung fĂŒr Teile der Gesellschaft, der Politik und Verwaltung ĂŒbrig. Wir brĂ€uchten eine schlagkrĂ€ftige, mutige, zukunftsorientierte, schnell und agil handelnde Verwaltung und Politik. Und wir haben grĂ¶ĂŸtenteils genau das Gegenteil. SelbstgefĂ€llige, oftmals völlig ĂŒberarbeitete, neoliberal kaputt gesparte Verwaltungen. Wir werden uns mit unseren Unmengen von Regeln, Gesetzen und Vorschriften schön ordnungsgemĂ€ĂŸ in den Untergang verwalten.

Ich bin inzwischen nicht nur fest der Überzeugung, dass die Menschheit in nicht allzu ferner Zukunft dramatisch aussterben wird und keine Perspektive mehr hat, sondern auch dass wir alle es genau so auch verdient haben.

Schlussfolgerung fĂŒr mich

Das alles beschĂ€ftigt mich so sehr, dass ich eine andauernde Unzufriedenheit und Unruhe habe. Das wirkt sich negativ auf meinen gesamten Alltag, mein ZufriedenheitsgefĂŒhl und auch auf das meiner Umgebung, meine Familie und Freunde aus. Aktuell bestehe ich oft nur noch aus Zynismus und Fatalismus. Das ist ungesund.

So kann und werde ich nicht mehr weiter machen.

Ich erkenne, dass ich als einzelner einfach nichts ausrichten kann. Dementsprechend werde ich viele meiner o. g. AktivitĂ€ten stark zurĂŒck fahren und mich verstĂ€rkt auf meine konkreten eigenen Interessen konzentrieren. Einfach damit ich Abstand von all den Dingen bekomme, die ich ganz offensichtlich (empirisch bestĂ€tigt) partout nicht Ă€ndern kann.

Ausblick

Ich werde sicherlich nicht alles komplett auf Null herunterfahren. Mein Engagement in der Schule mit Microsoft Office 365 beispielsweise werde ich sicherlich beibehalten. Weil es sinnvoll ist, und weil ich direkt sehe, dass ich etwas bewirken kann, und es sehr positiv angenommen wird. Und auch das eine oder andere mal MĂŒll einsammeln werde ich sicherlich auch noch gehen.

Aber ansonsten versuche ich mehr mich und meine Familie in den Vordergrund zu stellen, und dann eben doch vom Gemeinwohl weg zu gehen und den Schwerpunkt wieder auf mein individuelles Wohl zu legen. Z. B. werde ich auch wieder „verpönte“ Dinge machen, wie Bitcoin & Co. kaufen, selbst wenn es der Umwelt ggf. schadet. Ich als einzelner kann eh nicht dagegen ankĂ€mpfen, wenn es große Teile der Gesellschaft nicht tun. Also warum mich selbst groß einschrĂ€nken?

Bei den GrĂŒnen trete ich zeitnah aus. Ich werde sicherlich wieder GrĂŒn wĂ€hlen und wĂŒnsche ihnen alles Gute, und gleichzeitig werde ich trotzdem nicht deprimiert sein, wenn korrupte, rechte Parteien wieder den Kanzler stellen.

Und insgesamt werde ich bei sozialem Engagement versuchen, nur noch wenige Dinge zu machen, bei denen ich auch eine realistische Chance auf Realisierung in einem erkennbaren Zeitrahmen erkennen kann.

Insgesamt sehr traurig, aber alles andere macht mich auf Dauer kaputt.

ErgÀnzungen/Anmerkungen

02.07.2021 – Mit etwas Abstand könnte ich meinen eigenen Artikel hier so interpretieren, als ob ein gekrĂ€nkter, selbstverliebter Narzisst darĂŒber herum heult, dass er nicht beachtet wird. Das war und ist nicht meine Absicht. Ich versuche, mich nie in den Vordergrund zu drĂ€ngen, und will immer, dass es ausschließlich um die Sache geht. Deshalb mĂŒsste ich eigentlich, entgegen aller WiderstĂ€nde, einfach immer versuchen meine/unsere „gute Sache“ weiter zu machen, nur so kann eine VerĂ€nderung ĂŒberhaupt eine minimale Chance haben, zustande zu kommen. Leider ist aktuell komplett mein „Akku leer“, ich hoffe, irgendwann in der Zukunft ist das mal wieder anders.

5 Gedanken zu „Warum ich mein soziales Engagement auf ein Minimum herunterfahren werde

  1. Stefan C. sagt:

    Hallo Uwe,

    auch wenn ich im Detail nicht immer 100%ig die gleiche Ansicht hatte wie Du, habe ich Dein Engagement und Enthusiasmus immer sehr begeistert wahrgenommen und mir oft gedacht, dass ich meine Frustration aus meiner rein subjektiv wahrgenommenen RealitĂ€t (Geld und somit der Lobbyismus regiert am Ende doch die Welt und je nach „Gesinnungsgruppe“ variieren oft nur die Argumente auf dem Weg zum gleichen meist nur kurzfristig egoistischen Ziel) mehr beiseite schieben und somit aktiver werden sollte.

    Somit kann ich zwar nun selbstherrlich „willkommen in der realen Welt“ zu Dir sagen, aber letztlich ist es einfach nur traurig, dass hier nun wieder einer „der letzten Gallier“ (partiell) resigniert.

    Bedenke: Jede Aktion Deinerseits findet auch immer jemanden, der sich darĂŒber freut und es wertschĂ€tzt. Dies ist zwar nur ein kleines Steinchen in dem großen Bauwerk, aber wenn niemand die kleinen Steinchen setzt, dann bleiben die LĂŒcken fĂŒr Verstand und SozialitĂ€t unbesetzt.

    Viele GrĂŒĂŸe,
    Stefan

  2. Patrick sagt:

    Hallo Uwe,
    ich bin gerade zufĂ€llig ĂŒber Twitter auf deine Webseite und dann auf diesen Artikel gestoßen. Ich wohne nicht weit weg von dir (Rems-Murr-Kreis) und bin sehr betroffen von deinem Artikel. Leider (oder zum GlĂŒck) bin ich noch nicht „in der realen Welt“ angekommen und versuche auch im kleinen (bei Freifunk, MĂŒllsammeln, Konsum, Parteien und NGO UnterstĂŒtzung, Fahrradpolitik) meinen Beitrag zu leisten. Selbstwirksamkeit habe ich bisher auch eher selten erfahren. Insofern geht es mir wie dir, gleichzeitig will ich die Hoffnung und Zuversicht an das Gute im Menschen nicht aufgeben. Ja, vieles ist systemisch falsch, aber wir werden auch immer besser. Ich habe kĂŒrzlich Zeitungsartikel von vor 10 Jahren gelesen, da waren die Positionen noch viel konservativer. Korrupte Politiker wie Joachim Pfeiffer werden zum RĂŒckzug gezwungen, das sind alles gute Zeichen.

    • UK sagt:

      Vielen lieben Dank fĂŒr Deine Empathie, Patrick! Und super, dass Du dran bleibst, es braucht wirklich sehr viele Menschen wie Dich!

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